Die Quelle am Berg

Lange vor der Zeit an die sich die Alten noch erinnern können, sprudelte in den Bergen eine Quelle aus dem Stein. Diese Quelle war so lieblich und rein und alle Pflanzen, die in ihrer Nähe wuchsen, waren außergewöhnlich kräftig und schön. Jedes Tier, das sich mit diesem Wasser labte, war gesund. Doch an einem Tag im Jahr erhielt die Quelle besondere Kraft. Es war nur einmal im Jahr, wenn die Sterne günstig standen, die Sonne ihren längsten Lauf durch den Tag nahm und sich nachts der volle Silbermond genau in der Quelle spiegelte. Dann besaß das Wasser die Kraft, die Leiden der Menschen zu lindern und sie von Krankheiten zu reinigen.
In der Nähe der Quelle wohnte eine junge Frau. Sie war die Hüterin der Quelle, nur sie wusste Bescheid vom Lauf der Gestirne und wann dieser Tag bevorstand. In der Nacht zuvor entzündete sie am nahen Hügel ein Feuer, weithin sichtbar für die Menschen. Diese kamen von nah und fern herauf auf den Berg, um die Quelle zu besuchen.
Sie brachten Blumen mit und schmückten die Quelle, zündeten Öllämpchen und Kerzen an, tranken von dem Wasser und wuschen sich am Bach. Sie saßen zusammen, sangen und beteten voller Dankbarkeit für diesen Quell.
Und Gott im Himmel freute sich so sehr darüber, dass er dem Wasser diese wunderbare Heilkraft gab, um die Leiden der Menschen zu lindern.
So zogen die Jahre ins Land und Jahrzehnte verstrichen. Aus der Hüterin der Quelle wurde eine alte Frau, die kein Feuer mehr entzünden konnte, so dass niemand mehr erfuhr, wann denn dieser heilige Tag war.
So begannen die Menschen von sich aus zu dieser Quelle zu gehen. Sie brachten Kuchen und Wein für die Alte, schmückten die Quelle mit Blüten, ehe sie ihre Leiber wuschen und von dem Wasser tranken. Und nie vergaßen sie, sich zu bedanken und zu beten.
Und Gott im Himmel gefiel, was er sah und er verlieh dem Wasser Kraft zu reinigen und zu heilen, für alle, die da kamen.
Seither sind viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergangen. Der Sturm und die Zeit haben die Bäume gestürzt und die Quelle begraben und niemand mehr kennt den Platz. Die Hüterin der Quelle war längst wieder eins mit Erde und Staub.
Was blieb, ist das Wasser und diese Geschichte. Und man sagt, das Gott diese Geschichte gefällt und er jedem der sie hört und jedem der sie erzählt, auf den Weg zu einer Quelle führt, die seine Leiden lindert.